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Geschützt: Der Einbruch

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Gedankenlos

Er fand sich in einem riesigen Raum stehen und fühlte sich durch ein penetrantes lautstarkes Geräusch genervt, dessen Tonhöhe kontinuierlich auf- und abstieg. Verwirrt und orientierungslos betrachtete er die Wände, die aus einem mattglänzenden Metall zu bestehen schienen. Der Boden und die Decke waren flach, doch die anderen zwei Wände verjüngten sich vor ihm zu einer kleinen Öffnung, aus der ein schwaches, glühendes Licht trat. Zusätzlich vermischte sich der warme Farbton mit einem pulsierenden roten Licht, das sich an der Wand rechts von ihm befand. Hinter ihm setzte sich der Raum noch ein paar Meter fort und verschwand an einer scharfen Kante, in einem undurchsichtigen Schwarz. Er konnte sich nicht erinnern, wie er hier hergekommen war, und auch sonst konnte er keinen klaren Gedanken fassen, fast so, als wäre sein Denken von etwas blockiert worden. Aus einem ihm unbekannten Grund, fühlte er sich von dem Schwarz angezogen. Vorsichtig, immer darauf bedacht die Balance nicht zu verlieren, taumelte er in dessen Richtung. Es wurde immer größer und größer, bis er direkt davor stand und es seine ganze Sicht einnahm, die Kante, die das Grau vom Schwarz trennte, direkt vor ihm auf dem Boden. Das Material, was immer es war, spiegelte nicht und es schien eine Kälte auszustrahlen, die er fühlen konnte. Vorsichtig versuchte er die Wand zu berühren und spürte einen sanften Widerstand. Es war keine Wand aus Metall oder einem anderen Material, an das er sich erinnern konnte. Er drückte mit seiner Hand etwas stärker in die gummiartige Fläche, bis er merkte, dass die Masse nachgab und er hindurchzugleiten schien. Plötzlich spürte er Kälte und einen stechenden Schmerz, der ihn fast ohnmächtig werden lies. Ein gellender Schrei entfuhr ihm, der alles andere in diesem merkwürdigen Raum übertönte und instinktiv zog er die Hand aus dem Schwarz und bemerkte, dass er die Hand nicht mehr bewegen konnte. Unbeweglich, hart wie Glas, so kalt wie Eis, ein- und abgefroren … Er starrte seine Hand an, die völlig die Farbe verloren hatte und seltsam vertrocknet aussah, unfähig zu erkennen, was mit ihm überhaupt passiert war. Von Schmerzen und Instinkten getrieben, taumelte er vom Schwarz weg, das sich eindeutig als gefährlich und bösartig herausgestellt hatte. Weiter weg und in Richtung des glühenden Lichts, das eine Wärme ausstrahlte, weiter schreiend und seinen Arm haltend. Es waren ein paar Meter, die er so zurücklegen musste, was ihm immer schwerer fiel, je näher er an die glühende Öffnung kam. Ihm wehte eine Art Wind entgegen, der ihn aufhalten wollte, als wollte er sagen:“Stop, komm nicht näher“. Die Warnung ignorierend, stemmte er sich gegen den Wind und näherte sich, bis er auf seiner Haut Stiche bemerkte, die ihn anfangs nur störten, jetzt aber richtig zu schmerzen begannen. Er blickte auf sie und bemerkte, dass diese stark gerötet war und sich etwas wellte. Nach einer kurzen Weile, strich er mit dem Zeigefinger der anderen Hand über seine Haut und stellte fest, dass sie sich abstreifen ließ. Nacktes Fleisch kam zum Vorschein und an anderen Stellen konnte er sogar weißen Knochen sehen. Einen scheinbar endlos dauernden Moment später, warf er sich an die Wand. Nur weg vom Zentrum der glühenden Lichtquelle, die ihm irgendwie die Haut und das Fleisch zersetzte, während auch sein Blick leicht trüb wurde. Vermutlich noch einen Moment länger und er wäre erblindet. Doch auch diese Erkenntnis kam ihm nicht, weil er nicht verstand, was geschah. Vor Schmerzen gekrümmt, lag er schreiend an der Wand und war nicht mehr fähig aufzustehen. Sein Gehirn immer noch leer und gedankenlos, als sich plötzlich ein Spalt in der gegenübergelegenen Wand öffnete, durch den ein grelles Licht fiel. Schmerzverzerrt nahm er nur am Rande wahr, was sich dort abspielte, bis Gestalten durch das Licht traten und seine Aufmerksamkeit erregten. Massive Gestalten, ganz in Weiß, stampften mit lauten Schritten in seine Richtung und jagten ihm eine Angst ein, die er vorher noch nicht gekannt hatte. Er krümmte sich so klein zusammen, wie es möglich war und wie es ihm seine Schmerzen gestatteten und hoffte, dass sie ihn nicht sehen würden. Doch es war zu spät und sie kamen genau auf ihn zu. Er versuchte seine letzte Kraft zu mobilisieren um ihnen Gegenwehr bieten zu können, doch es hatte keinen Zweck. Sie waren einfach viel stärker und sie waren nicht alleine, wie er es war. Es hatte keinen Zweck … Sie packten ihn an die Arme und schleppten ihn, trotz heftiger Gegenwehr, durch den Spalt, in das helle blendende Licht. Auf der anderen Seite, ganz plötzlich, verlor er das Bewusstsein …

„Hey Jamie, bist du wach?“, hört er aus der Ferne. „Jamie, wach auf!“.
Benommen öffnete er seine Augen und befand sich auf der Krankenstation.
„Weißt du wo du bist?“, fragte die Stimme wieder, die Jamie jetzt als Joanna identifizieren konnte.
„Hmm … auf der Krankenstation …“, hörte sich Jamie sagen, immer noch benommen von der Narkose und den Schmerzmitteln.
„Ja, aber auf welcher Krankenstation? Wie heißt das Raumschiff?“, fragte Joanna, die sich um den Zustand seines Gehirns sorgen machte. Es war eine gefährliche Situation, sich in der Brennkammer eines startenden Ionentriebwerks aufzuhalten. Die elektromagnetische Strahlung, die von den supraleitenden Magneten emittiert wurde, schaltete Jamie’s höheren Gehirnfunktionen aus und überließ ihn der Kontrolle des Kleinhirns und des limbischen Systems, die zusammen nur aufgrund von Gefühlen und Instinkten urteilen können.
„Hmm … Ja … Die Marquee 2 …“, kam es schwach aus Jamie’s Mund.
Gott sei dank, hat sein Gehirn keinen großen Schaden genommen, dachte Joanna.
„Was ist passiert?“, flüsterte Jamie, einer weiteren Ohnmacht nah.
„Wir haben uns schon gedacht, dass du dich nicht erinnern können wirst. Du wurdest bei Wartungsarbeiten vom hochfahrenden Ionentriebwerk überrascht und die Magneten haben deine höheren Hirnfunktionen lahmgelegt. Ein Fehler im System. Hier das Video der Überwachungskamera …“, meinte Joanna und legte vor ihn, auf die Bettdecke, ein kleines Videopult, das die paar Minuten zeigte, die er in der Brennkammer verbracht hatte.

Unglaubig betrachtete er das Pult und sah sich selbst eine Hand durch das Energiefeld stecken, das die Brennerkammer vom ungeschützten und nahe dem absouten Nullpunkt kalten Weltall schützte. Er sah sich selbst, wie er verständnislos seine abgefrohrene Hand betrachtete, hörte seinen gellenden Schrei, sah sich zur Elektronenquelle taumeln und sich fast in einem hochenergetischen Betateilchen-Strahl auflösen. Entsetzt und fassungslos starrte er auf das Video, als ihm die Hilfskräfte in Raumanzügen zur Hilfe kamen und er sich vor panischer Angst wehrte und sich versuchte loszureissen.

Und jetzt lag er da und realisierte, dass er sich, aufgrund eines Systemfehlers, fast selber getötet hätte und dass er auch jetzt noch nicht über den Berg war. Die Hand war verloren, die Augen waren trüb und ob sich die Haut regenerieren könnte, war ungewiss. Er wollte jetzt nur noch seine Ruhe haben und schlief ein …

Geisterhaus

maniacEs war ein trüber Montag Nachmittag, als sich die Clique vor dem alten Haus der Witwe Morte trafen. Das Haus stand bereits seit einigen Jahren leer und so hatten sich neben dem dichten Efeu auch noch Mythen und Gespenstergeschichten um das Haus gerankt. Niemand wusste, was mit der Besitzerin geschehen war und so war der Status dieses Hauses unklar. Kindliche Fantasien erfanden Geschichten von Einbrechern, die das Haus leergeräumt, Frau Morte ermordet und sie in der Nacht hinten im großen Garten verscharrt hatten. Andere waren der Meinung sie hätte Haus und Hof in einem Spielkasino verzockt und wäre dann vor den Gläubigern geflohen und nach Indien ausgewandert, und wieder andere waren sogar der Meinung Frau Morte hätte selber Leute ermordet und in ihrem eigenen Keller begraben, weil ihr das einfach Spaß bereitete. Das Einzige, worüber absolute Sicherheit herrschte war, dass sie seit Jahren nicht mehr gesehen wurde.
Die Clique bestand aus drei Mädchen, vier Jungen, darin eingeschlossen ein Anwärter, die alle zwischen 12 und 15 Jahren alt waren. Traditionell musste der Anwärter eine Mutprobe bestehen, die von den Anderen bestimmt wurde. Diesmal war es der einstündige Aufenthalt in der Geistervilla, weshalb Tobi einigermaßen erleichter war, denn er hatte auch von anderen Mutproben gehört, die schlimmer waren und eine endete sogar böse. Da war zum Beispiel der Vorfall, der damals auch in der Zeitung stand. Ein Jugendlicher versuchte vor einem herannahenden Zug über die Gleise zu springen und blieb mit einem Fuß hängen und stürzte. Es dauerte etwas den blutigen Brei zu identifizieren, aber die Identität wurde geklärt. Natürlich wusste niemand etwas darüber und so wurde der Fall nie aufgeklärt. Die Mutproben wurden danach aber weniger gefährlich und so war es dann maximal ein gebrochener Arm, der zu beklagen war.
Tobi war es trotzdem nicht ganz geheuer, denn er kannte duzende Geschichten von Mord- und Totschlag, von Gespenstern und Geistern, und sogar von mutierten Riesenzombies hatte er schon einmal etwas gehört. Egal, er musste da jetzt durch und es war ja nur eine Stunde. In der Realität gibt es doch eh keine Geister und keine Gespenster und Zombies erst recht nicht, garnicht erst zu reden von Mutationen, die es höchstens in schlechten Fernsehfilmen gab.
„Los jetzt, steh da nicht rum, wie angewurzelt!“, hetzte Markus, der größer und älter was als Tobi. Vor ihm hatte Tobi am meisten Angst, da er dafür bekannt war, dass er ohne mit der Wimper zu zucken auch mal zuschlagen konnte, wenn es ihm gerade danach war.
Eingeschüchtert schlich Tobi zur großen Metalltür, die den großen Privatbesitz von der Straße trennte und rüttelte daran. Sie gab nicht nach, worauf er sich umdrehte und fragend die anderen anschaute.
„Jetzt stell dich nicht an, wie ein kleines Kind. Kletter halt über das Tor!“, maulte Tanja, die als die Kesse und Furchtlose galt, obwohl sie kleiner war als Tobi. Ihre Stärke lage in ihrem kompromisslosen Mundwerk, das jeden anmaulen konnte, egal wie groß oder wie stark er war.
„Jaja, schon gut …“, murmelte Tobi und setzte zum Klettern an.
Er wirkte unbeholfen und tolpatschig, als er sich an das Tor hing und versuchte mit den Füßen Halt zu finden. Schließlich schaffe er es doch hinüber. Die Clique fand es zum Schreien komisch, was sie auch mit lautem Gelächter ausdrückte.
Gedemütigt auf der anderen Seite angekommen, fühlte er sogleich ein starkes Gefühl von Unbehagen, das in ihm empor stieg. Es gab jetzt keinen Weg mehr zurück. Er wollte doch so gerne auch mal irgendwo dazu gehören und akzeptiert werden. Das war seine einzige Chance nicht immer nur der Außenseiter zu sein. Und es war doch nur eine Stunde. Ursprünglich hatte er es sich so ausgemalt, dass er sich hinter der großen, massiven Holztür auf den Boden setzen und abwarten würde, bis die Stunde vorbei ist, aber so einfach hatte es ihm die Clique nicht gemacht. Er hatte eine Aufgabe bekommen, die nicht einfach nur mit Rumsitzen zu erfüllen war. Er musste einen Gegenstand holen, der zuvor durch ein Fenster im ersten Stock geworfen wurde. Natürlich war es nichts wertvolles, denn jeder rechnete damit, dass Tobi sich vor Angst in die Hose machen und so schnell wie möglich weglaufen würde. In den Augen der Kinder galt er als ein Angsthase, doch mit solchen Vorurteilen wollte er heute aufräumen und um seine Anerkennung kämpfen.
Innerlich angespannt schlich er mit kurzen Schritten über den Kiesweg, der das Tor von der großen Eingangstür trennte. Vor ihm wuchs ein riesiges zweistöckiges, verwildertes Haus aus dem Boden. Es musste Platz für mindestens 50 Zimmer haben, dachte Tobi.
Jetzt war er endlich an der Veranda angekommen und stieg unsicher und angsterfüllt auf die erste Stufe, die unmittelbar zum Knarzen anfing, als wäre sie lebendig und der Druck des Fußes würde sie schmerzen. Vielleicht ist das Haus ja wirklich lebendig und es wird mich auffressen, dachte sich Tobi, der sich durch solche Gedanken immer weiter in Panik versetzte. Alle Seine Reize bestätigten ihm, dass es ein Geisterhaus sein musste, das ihn mit Haut und Haar verschlingen würde, sobald er die Türe hinter sich schließen würde. Die gespenstische Atmosphäre wurde vom pfeiffenden, kühlen Wind und von der Dämmerung verstärkt, die ihn langsam aus der Realität riss und ihn in einem Horrorfilm wiederfinden ließ. Er kannte solche Filme zu genüge, in denen ein Geisterschloss und eine Mutprobe vorkam. Jeder hatte immer riesige Angst, die aus der Perspektive des Menschen vor dem Fernseher einfach lächerlich wirkte. Und jetzt war er hier und fand es nicht mehr so lustig, obwohl es doch immer nur Vögel und Katzen waren, die dem Haus Leben verliehen. Im schlimmsten Fall war es auch einmal ein Obdachloser, der so ein Haus „seine Villa“ nannte.
Ein paar klagende Stufen und Planken später befand er sich vor der Tür, deren Scheibe eingeschlagen war. Er war sicher nicht der Erste, der sich Zutritt zu diesem finsteren Gemäuer verschaffen wollte. So konnte er wenigstens durch das Loch der Scheibe greifen und von innen die Türe öffnen. Mulmig war ihm natürlich, denn er hatte auch genug Filme gesehen, bei denen immer jemand die Hand irgendwo reinsteckte und auf der anderen Seite jemand mit einem Nagelschussgerät oder einem Messer wartete. Aber die Rollen waren vertauscht, denn die Bösen versuchten sich oft Zugang zu ihrem Opfer zu verschaffen, das sich dann irgendwie wehren musste. Diesmal war er aber der Gute und die Guten brauchen nichts zu befürchten, versuchte er sich selbst in Gedanken zu beruhigen, aber mit mäßigem Erfolg. Er steckte Zögernd die Hand durch das zerbrochene Glas, dessen Öffnung genau die Größe einer Faust hatte. Plötzlich spürte er einen leichten Windzug, worauf er vor Schreck den Arm aus der Öffnung zog. So schnell und so unkontrolliert und von Panik getrieben, dass er nicht darauf aufpasste, dass das Glas sehr scharfkantig war, worauf er sich in die Hand schnitt. Er hatte den Schmerz nicht gemerkt, da sie von Angst und Adrenalin betäubt waren und es so schnell ging. Den Schnitt bemerkte er erst, als er sah, dass seine Hände rot wurden.
Verdammter Mist, schmipfte er in Gedanken.
Er hatte schon genug von dem Haus und wollte zurück, doch voller Erwartung stand die Clique vor dem rostigen Tor. Sie streckten ihm die Zunge raus und obwohl er sie nicht hören konnte wusste er, dass sie ihn einen Feigling und Angsthasen nennen würden, der gleich seinen Schwanz einziehen und weglaufen würde, so schnell, wie es ging. Er würde heute aber kein Feigling sein, er würde sich sein Lob und seine Anerkennung erarbeiten und ihnen zeigen, dass er mutig und stark war.
Er wickelte sich ein Stofftaschentuch um die Hand und steckte seinen Arm erneut in die Öffnung. Diesmal, vor Ärger und Entschlossenheit getrieben, gab er nicht nach und ignorierte Monster auf der anderen Seite der Tür. Jetzt sollten sie vor ihm Angst haben, dachte er sich. Er tastete sich zum Türknopf vor und drehte daran, bis sich die Tür knarzend öffnete und den Weg frei machte für den Eroberer des Geisterhauses.
Vor ihm tat sich eine riesige Dunkelheit auf. Das Licht der Dämmerung wurde durch die mit Brettern vernagelten Fenster noch weiter abgeschwächt, was ihn noch mehr einschüchterte und ihn wieder in Angst verfallen ließ. Jetzt hatte er nicht nur unbefugt ein Grundstück betreten, sondern ist auch noch in ein Haus eingebrochen, schoss es ihm kurz durch den Kopf. Die Gedanken an die rechtlichen Konsequenzen hatten hier aber keine Relevanz, schließlich ging es hier um das Erfüllen der Aufgabe und Anerkennung.
Seine Augen gewöhnten sich langsam an das Licht und ließen ihn Schemen von Möbeln erkennen. Das da musste ein Sofa sein, das andere ein Tisch, hier eine Wanduhr, dort drüben ein Bett und direkt geradeaus die Treppe in den ersten Stock. Eine Stunde  lang sollte er sich hier aufhalten und einen bestimmten Gegenstand aus dem ersten Stock holen. Das würde eine lange Stunde werden, wurde ihm bewusst, denn seit dem übersteigen des Tors und dem Eindringen in das Gebäude waren gerade mal sieben Minuten vergangen, also noch mindestens acht mal so lange, und diese sieben Minuten kamen ihm schon vor, wie eine Ewigkeit.
Plötzlich ein Schatten in seinem Augenwinkel. Er zuckte zusammen, drehte seinen Kopf, sah aber nichts weiter als das Schwache Licht und die Schemen der Möbel. Vermutlich nur ein Streich, den ihm seine Sinne spielten – oder eine Ratte oder eine Katze oder etwas ähnliches.
Er tastete sich langsam Richtung Treppe, die mit zwei Totenkopf-Repliken verziert war. In Tobi’s Augen sahen sie wie echte Menschenköpfe aus. Abgetrennt und die Haut abgezogen von Witwe Morte, das Fleisch zum Teil verarbeitet in einer saftigen Suppe, den Rest für den Hund und dann die Überreste als Trophäen auf das Geländer der Treppe genagelt.
Das ist doch alles Blödsinn, die sind garantiert aus Kunststoff und wurden in China hergestellt. Zugegeben, Tobi wunderte sich schon über den Geschmack der Besitzerin, verdrängte aber solche kindischen Gedanken. Schließlich war er doch schon viel reifer und kein Angsthase. Und er hatte solche Totenköpfe auch schon mal in einem Geschäft zum Kaufen gesehen. Dass diese Köpfe jetzt soviel echter aussahen lag sicher nur an der Dunkelheit.
Er schlich weiter die Treppe hinauf, bis er an einen langen Gang kam, an dem etliche Türen in etliche Zimmer führen. Die zweite Hälfte des Ganges, wurde von einem Ledervorhang abgetrennt. Eigentlich müsste der Raum, aus dem er den Gegenstand holen musste, genau links dahinter liegen.
Er schlich weiter vorwärts und hob den Ledervorhang, der sehr schwer war, zur Seite. Ein seltsamer Vorhang. Die Form von einem Schaffell, aber ohne Fell und ungefähr Menschengröße. Menschengröße, schoss es ihm durch den Kopf. Nein, das kann nicht sein … Fantasie, gib endlich Ruhe! Das ist nichts weiter als ein Kuhfell oder etwas ähnliches und bestimmt nicht mal das, sondern nur einfach ein Lederfetzen in Plastik, der extra so geformt ist, dass man sich bequem drauflegen kann. Ja, das musste es sein. Es gab doch für alles immer ganz einfache Erklärungen und die einfachste ist auch meistens die Richtige.
Er ließ den Vorhang hinter sich und rüttelte an der Türklinke, die seiner Meinung nach zum richtigen Raum führen würde. Die Tür war abgeschlossen. Aufbrechen, dachte er sich. Das Holz dieser Türe würde nicht so massiv sein und so bräuchte er nur mit dem Fuß dagegen treten, um ein Loch in die Türe zu treten, das er dann mit weiteren Tritten so weit vergrößern konnte, dass er mit den ganzen Körper hindurch passen würde. Ja, das war ein guter Plan. Sachbeschädigung … Egal. Er legte sein ganzes Gewicht in den Fußtritt und … prallte ab. Die Türe gab nicht nach. Also nochmal und nochmal und nochmal, während die Trittgeräusche durch das ganze Haus hallten, als würde es aufschreien und ihn bitten damit aufzuhören, da es starke Schmerzen empfinden würde. Bitten und Flehen half nichts und schließlich gab die Tür mit einem lauten Bersten nach und er durchbrach die Tür. Ein plötzlicher und stechender Schmerz ließ ihn zusammen zucken und ihn das Gesicht verzerren. So ein Mist, ein spitzer recht großer Schiefer hatte sich in die rechte Wade gebohrt und verursachte furchtbare Schmerzen. Er zog so langsam, wie es ging, das rechte Bein aus dem Loch. Mit jeder Bewegung schmerzte es mehr und mehr und es trieb ihm die Tränen in die Augen. Die ganzen Idioten von der Clique verfluchend, die ihn dazu angetrieben hatten, betrachtete er sein rechtes Bein, das stark blutete. Was wollte er jetzt machen? Um Hilfe rufen? Ihm war es jetzt schon egal, ob jemand ihn für einen Feigling halten würde, er wollte nur noch raus aus diesem schrecklichen Ort, der ihn nicht nur körperlich sondern auch seelisch verletzt hatte. Albträume von gehäuteten und enthaupteten Menschen würde er von hier fort tragen.
Er begriff, dass es keinen Sinn hatte nach Hilfe zu rufen, da ihn niemand hören würde. Dann gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder den Schiefer loswerden und humpelnd weglaufen oder hier sterben. Die erste Möglichkeit war zwar sehr schwierig, aber es musste sein. Also beschloss er den Schiefer zu entfernen, der sich weit in das Fleisch gebohrt hatte. Mit einem kurzen und kräftigen Ruck sollte er am schnellsten zu entfernen sein, hatte er mal gehört. Aber kaum angefasst, wurde der Schmerz noch stärker. Mit zusammen gebissenen Zähnen ignorierte er denn Schmerz und ließ ihn nicht die Lage dominieren, in der er sich jetzt befand. Es musste sein und es gab keinen anderen weg. Also umfasste er den Schiefer und zog schreiend. Ein Schrei, der die Geister und Gespenster vertrieben hätte, wenn es welche geben würde. Ein Schrei, der tote aufwecken konnte und der in ein Wimmern und Weinen überging, nachdem er den blutüberströmten Schiefer in der Hand hatte. Hoffentlich konnte er das Bein so belasten, dass er es die Treppe hinunter und vor allem über das Tor schaffte.
Tobi hatte die Nase mittlerweile gestrichen voll und würde am liebsten aufgeben, worauf die Clique ihm dann wohl einen Spitznamen wie Chicken geben würden. Ein feiges Hühnchen, das vor lauter Angst ein Ei gelegt hat und weggelaufen ist. Nein, das konnte es nicht sein. Er war doch so kurz vor dem Ziel und er musste nur noch durch diese Türe, dann hätte er es geschafft. Nur noch ein kleiner Schritt, dachte er sich, während er sich das Bein mit seinem Schal verband.
Er versuchte mit der Kraft seiner Arme das Loch so zu weiten, bis er mit dem Körper hindurch passen würde. Das war nicht einfach, aber mit viel Kraftanstrengung gelang es ihm dann schließlich, und diesmal ohne, dass er sich noch weiter verletzte. Er war schon viel vorsichtiger geworden, schließlich schmerzte die Hand auch ziemlich und er wollte ja nicht als kriechender Krüppel das Haus verlassen müssen, weil er sich alle Extremitäten auf irgendeine Art und Weise verletzt hatte und sie nicht mehr belasten konnte.
Endlich war das Loch groß genug und er steckte zuerst den Kopf hindurch, dann den ganzen Körper und schließlich war er auf der anderen Seite der Tür. Ein merkwürdiger Geruch, der ihm schon im ganzen Haus aufgefallen war, war hier deutlich intensiver. Er sah das zerbrochene Fenster, durch das der Gegenstand, den er besorgen musste, geflogen war. Wo war der Gegenstand selber? Achja, hier liegt er ja, dachte er. Vergessen war alle Angst und all der Schmerz und Triumphal nahm er den Gegenstand in die Hand und grinste. Jetzt würden ihn die anderen akzeptieren müssen, wenn er wieder draußen und über dem Tor war. Laut seiner beleuchteten Armbanduhr waren jetzt 23 Minuten vergangen.
Er drehte sich um, um durch das Loch zu kriechen, durch das er gekommen war, als ihm plötzlich der Schlüssel auffiel, der sich im Schloss befand. Er hätte das Loch also nicht weiten müssen, sondern nur durchfassen und den Schlüssel im Schloss drehen. Tobi wunderte sich, ob das eine Türe ist, die man von außen zusperren kann, obwohl innen der Schlüssel noch steckt oder ob sich jemand hier eingesperrt hatte, der ja dann noch hier sein musste. Dieser Gedanke, dass er in diesem Raum nicht alleine sein sollte, erschreckte ihn mehr als alles andere, das er bisher hier gesehen hatte. Sogar seine Schmerzen waren vergessen. Er drehte sich um, drückte sich mit den Rücken an die Türe und suchte den Raum mit seinen Augen ab. Viel konnte er nicht erkennen, denn die Pupillen hatten sich dem Licht der Dämmerung, das durch die Fenster fiel, angepasst und so war der Kontrast zu stark um viel sehen zu können. Dort in der Ecke, bildete er sich ein, eine Kontur erkennen zu können. Diesmal war es kein Streich seiner Sinne. Es war ganz sicher irgend etwas, das in der Ecke an die Wand gelehnt war. Es sah aus wie … wie … ein menschlicher Körper! Es stieg wieder die nackte Panik in ihn auf, das Adrenalin schoss ihn durch den Körper, er war hochkonzentriert und bereit zu laufen. So schnell, wie es geht, die Schmerzen vergessend. Nur noch raus, raus, raus! Aber er war gelähmt und konnte sich nicht bewegen. Nur keine Bewegung machen, nur keinen Laut von sich geben und nur nicht Atmen. Vielleicht war es einer der Obdachlosen, die in solchen Häusern lebten und er schlief gerade, denn er bewegte sich nicht.
Tobi verharrte eine Ewigkeit, ehe er sich wieder traute sich zu bewegen. Irgendwie hatte er das Gefühl, ihm könnte nichts geschehen und von der Person würde keine Gefahr ausgehen. Also schlich er ganz leise in Richtung Ecke. Da lag wirklich eine Person und der Geruch, den er vorher schon wahrgenommen hatte, wurde immer stärker. Ein Obdachloser, der sich seit Monaten nicht mehr gewaschen hat, dachte sich Tobi. Mehr konnte er nicht erkennen, egal wie sehr er sich bemühte. Anfassen wollte er die Person aber nicht, sie könnte aufwachen und vor lauter Schreck um sich schlagen und ihn verletzen und das wollte er nicht. Sein Feuerzeug, das sich in einer Hosentasche befand, traute er sich auch nicht zu benutzen. Der Helle Schein könnte ihn ebenfalls aufwecken und erschrecken.
Von draußen hörte man ein Auto um die Kurve fahren, dass das Fernlicht nicht abgeschaltet hatte und so drang Licht der Scheinwerfer für ein paar Sekunden in den Raum, worauf es von den Wänden und der Türe reflektiert wurde. Tobi stand einen Meter von der Person entfernt, als das reflektierte Licht die Ecke erhellte und er ganz kurz die Person sehen konnte. Das Bild war so schrecklich, dass es ihm vorkam, als hätte es sich auf seiner Netzhaut eingebrannt und er würde das Bild nie wieder vergessen können. Vor ihm lag ein menschlicher, aber verfaulter Körper, der dort schon seit Wochen liegen musste. Die Haut und das Fleisch war von Bakterien zersetzt worden und hier und da schien nackter Knochen durch. Tobi war geschockt und lief humpelnd zur Türe, sperrte sie verkrampft auf und stürmte in den Gang hinaus. Was hatte er da gerade gesehen? War das Witwe Mortem, die sich bei einem Überfall in das Zimmer eingeschlossen hatte und nicht mehr herauskommen wollte vor lauter Angst? Wurde sie verletzt und ist deshalb da drin gestorben?
Die Erklärungen waren gut, aber falsch. Tobi fühlte das, konnte aber noch nicht sagen, wieso. Irgendwas stimmte an seiner Erklärung einfach nicht. Er hatte aber genug gesehen, der Rest war ihm egal. Jetzt nur noch weg. Den Gegenstand hatte er in seiner Tasche. Zumindest hatte er Erfolg gehabt und die ganze Clique würde ihn zum neuen Chef erheben, wenn er ihnen erzählen würde, was er hier gesehen hatte und wie mutig er war. Sowas blödes, er braucht einen Beweis, sonst würde ihm niemand glauben.
Der Tote lag dort schon seit Wochen und konnte Tobi nichts mehr tun. Daher konnte er sich auch nicht wehren, als er nochmal zurück ins Zimmer kam, mit einem Feuerzeug in die Ecke leuchtete und sich überlegte, was er für einen Beweis mitnehmen würde. Reicht ein einfaches Kleidungsstück? Das kann ja überall rumgelegen haben und würde sicher nicht als Beweis akzeptiert werden. Es muss schon was persönlicheres sein wie ein Körperteil. Er zog sein Taschenmesser raus und unterdrückte den Brechreiz. Tobi war fasziniert, dass das so einfach ging, schließlich hatte sich das Fleisch schon stark aufgelöst und es war dann leicht einen Finger abzutrennen. Er wickelte ihn in ein weiteres Stofftaschentuch, steckte ihn in die Tasche und verließ den Raum. Heute bin ich der, vor denen mich meine Eltern immer gewarnt haben, dachte er sich und fühlte sich einfach gut. Sie würden vor ihm niederknien, wenn er ihnen diesen Beweise zeigen würde.
Humpelnd durchquerte er den Gang und ließ den Ledervorhang hinter sich. Irgendetwas kam ihm immer noch seltsam an dem Ledervorhang vor und so drehte er sich nochmals um und zündete abermals sein Feuerzeug, das einen flackernden gelblichen Schein auf den Vorhang warf. Ein gut gemachtes Lederimitat, dachte er sich, bis ihm eine Markierung auffiel. Sie war nicht leicht zu erkennen, da es ziemlich dunkel war. Die Form erkannte er aber, nachdem er das Feuerzeug etwas näher an die Markierung hielt. Es war … es sah aus … das konnte nicht sein. Es sah aus wie eine Tätowierung, die eine kleine Blume darstellte. Als sich Tobi noch fragte, wieso der Besitzer dieses Stück Leders es tätowiert hatte, erkannte er die grausame Wahrheit. Das war kein Imitat, das war die Haut eines Menschens, der enthäutet und aufgehängt wurde. Was für eine unglaubliche Grausamkeit war hier geschehen? Das Blut gefror in seinen Adern und er humpelte so schnell wie irgendwie möglich zur Treppe und sie hinab. Jetzt war sein Leben in Gefahr, dachte er und schaffte es, ohne zu stürzen die Treppe hinunter, wo ihn die grinsenden Totenköpfe erwarteten, die ihn auslachten, weil er in die Falle gegangen war. So unecht sahen diese jetzt nicht mehr aus und tatsächlich waren sie unterschiedlich. Die Kopfform war anders und der eine hatte keine Zähne mehr, der andere dafür einen Sprung am Hinterkopf. Wieso war ihm das nicht vorher aufgefallen, dann hätte er noch umdrehen und weglaufen können.
Die Türe war geschlossen, als er davor stand und plötzlich wurde ihm klar, was an der Leiche oben nicht stimmte. Sie war nicht weiblich, weil sie Männerkleidung trug. Das konnte Witwe Mortem garnicht sein. Plötzlich spürte er einen scharfen Schnitt an seiner Kehle, worauf er sich instinktiv an den Hals fasste und etwas warmes und klebriges fühlte. Vor Schock brach er zusammen und lag regungs- und fassungslos am Boden. Ihm hatte jemand die Kehle durchgeschnitten. Ein Schatten packte ihn an die Füße und zog ihn über den Holzboden, der ihm unzählige kleine Schiefer in die Haut trieb und zusätzliche Schmerzen verursachte und immer und immer wieder schlug sein Kopf hart auf die Stufen der Treppe auf, als er hinunter in den Keller gezogen wurde. Langsam wurde es ihm schwarz vor Augen und das letzte was er dachte war: Klar, alles nur Horrorgeschichten.

Früher

Früher, als ich noch ganz klein war, kam mir alles viel Größer vor. Ich konnte aufrecht unter dem Tisch stehen und unter der Küchenbank schlafen. Zum Leid meiner Mutter, die mich überall gesucht, aber nirgends gefunden hatte. Damals wusste ich ja nicht, was ich ihr damit für einen Schrecken eingejagt hatte. Auch meine Eltern und deren Eltern kamen mir viel größer vor. Räume waren größer und Entfernungen waren weiter, die ganze Welt war größer. Zugegeben, die Welt ist jetzt immer noch groß genug, aber wenn ich heute so durch die Stadt gehe kommt es mir schon so vor, als wäre diese kleiner geworden. Zusätzlich hat sich durch ein eigenes Auto der Aktionsradius vergrößert und die Geschwindigkeit, mit der man die Stadt durchquert erhöht. Zwei Effekte, die wesentlich dazu beitragen, dass einem alles viel kleiner vorkommt.

Wenn ich so drüber nachdenke, kommt es mir aber so vor, als hätte man nur ganz wenig Vorteile als kleiner Mensch gehabt, weil die Welt für die großen Menschen gemacht war. Ein Vorteil war zum Beispiel, dass man als kleiner Mensch keinen HD-fähigen 16:9 Widescreen Fernseher brauchte, denn aus kleinen Augen, war ein normaler Fernseher schon groß genug. Und man konnte sogar aufrecht davor stehen und hatte den Fernseher direkt vor Augen. Kino für kleine Menschen.

Ein Nachteil, der mir spontan einfällt, war, dass man auf einen riesigen Baum, auf den man gerne geklettert wäre, nicht hoch kam, weil keine Äste zum Greifen in Reichweite waren. Ich frag mich manchmal, ob die Evolution hier die Finger im Spiel hatte. Das kann doch kein Zufall sein, dass man gerade dann die Lust auf Baumkletterabenteuer verliert, wenn man gerade groß genug ist, um den ersten Ast zu erreiche, an dem man sich hochziehen kann. Sind womöglich soviel kleine Kinder von den Bäumen gefallen, dass der Mensch von Natur aus kleiner geworden ist?

Vieles begriff ich damals aber überhaupt nicht, so dachte ich, dass in unserem Hausgang ein Fenster wäre, durch das man einen ständig kranken Mann mit einem am Dach aufgehängten Regenschirm sehen konnte. Jahre später fragt ich meine Mutter und sie meinte, dabei hätte es sich um ein Puzzle gehandelt, das als Motiv den Armen Poeten von Carl Spitzweg zeigte. Lustige Kinderfantasien, die aufgrund von fehlendem Wissen entstanden sind.

Fantasie hatte ich aber immer schon. Meine Lehrerin diagnostizierte mir mit ihrem umfangreichen Fachwissen in Kinderpsychologie und Erziehungskunde ein gestörtes Verhältnis zur Fantasie. Ich sei zu fantasievoll und das sei nicht normal, worauf sie mich doch dann zum Schulpsychologen schicken wollte. Meine Mutter sah das gelassen und gab den Forderungen nicht nach. Sie meinte nur:“Wenn ein Kind in der Jugend keine Fantasie haben darf, wann denn dann?“. Was soll ich sagen? Ich bin jetzt fast fertiger Diplom-Informatiker mit überdurchschnittlichem Abschluss …

Etwas, das aber immer gleich geblieben ist, egal ob ich klein, größer oder groß war, waren die Zeugnisbemerkungen, die mich immer aufforderten meine schriftlichen Arbeiten sauberer zu erledigen und/oder meine Hausaufgaben zuverlässiger abzugeben. Manchmal hieß es, mein Schriftbild wäre nur mit Mühe zu entziffern. Ich hatte es geschafft eine Nachschrift in fünf Zeilen liniertes Papier zu quetschen. Das wurde immer bemängelt, es hat aber nie Jemanden interessiert, wo ich meinen kompakten, leicht kursiven Schreibstil her hatte. Mein Vorbild war ein Schulkollege, der mit seiner schönen Schrift immer die Lehrer begeisterte und dessen Schrift war leicht schräg gehalten. Ich dachte, meine Schrift sollte genauso hübsch anzusehen sein und versuchte seinen Stil zu imitieren. Ja, eine billige Kopie minderwertiger Qualität, die dann noch Jahre später in meiner Schulzeit bemängelt wurde. Irgendwann fand ich es dann einfach lustig soviel Text wie möglich in eine Zeile zu quetschen und prahlte damit, dass ich Nachschriften – präzise Feinmotorik vorausgesetzt – auch noch in vier Zeilen unterkriegen könnte, was ich zum Leid meiner damaligen Lehrerin auch öfters praktizierte. Ich wurde mit Nachsitzen und Schönschreibheften bestraft. Wann war das? Ich glaube das war in der sechsten oder siebten Klasse.

Andere Dinge, die mein Verhalten kennzeichneten waren motorische Unruhe, rege Beteiligung im Unterricht mit konstruktiven Beiträge, aber ohne melden. Dies wurde dann aber eher als “Sein dazwischen rufen störte mitunter stark den Unterricht“ gewertet. Man konnte es den Lehrern ja nie recht machen. Einmal zu ruhig, dann wieder nicht ruhig genug.

Wenn ich jetzt an meine Kindheit und meine Schulllaufbahn zurück denke, dann bin ich froh, dass ich das alles heil überstanden habe. Meiner Meinung nach grenzt es eh fast an ein Wunder, wenn Kindern im Kleinkindalter nichts passiert. Auch die Schulen – insbesondere die Hauptschulen – waren damals noch angenehmer. Ich hab in letzter Zeit soviel Hauptschul-Gruselgeschichten gehört, dass man damit an Halloween Kinder um einiges besser schocken könnte, als mit Geschichten von abgetrennten Köpfen und ammok laufenden Kürbissen.
Tja, damals war alles besser … auch die Zukunft.

Niederlage

Manchmal frustriert es mich, dass es Leute gibt, die klüger sind als ich. Sie denken schneller, sie lernen schneller und sie können alles besser. Ich bin überdurchschnittlich. Das heißt, dass die Meisten nicht so intelligent sind wie ich und trotzdem bin ich oft unzufrieden, da ich immer nach oben schaue und die Leute sehe, die über mir stehen und denen ich nicht das Wasser reichen kann.

Heute ist was blödes passiert. ich hatte ein Elektronikprojekt entwickelt, das einer Arbeit von der NewYork University nachempfunden wurde, die allerdings keine Einzelheiten veröffentlich hatte, außer einem Video in dem man einen Herrn sah, der vor einer elektronischen Schaltung sitzt und diese Vorführt. Anhand des Videos versuchte ich die Funktion zu erschließen und entwickelte eine Version, die ebenso gut funktioniert, die aber professioneller aussieht und sich in Vielem unterscheidet … Der Weg dorthin war gepflastert mit vielen Rückschlägen, die mich fast verzweifeln und mich glauben ließen, dass ich es nicht hinbringen würde. Mit viel Zeit und Ausdauer klappte es dann zum Schluss doch und ich verspürte eine Art Stolz. Stolz etwas besonderes geschaft zu haben, woran sich andere ihre Zähne ausgebissen haben …

Mittlerweile weiß ich, wie sie es gemacht haben. Es gibt ein Patent, das man sich runterladen kann und ich hab es mir angesehen. Sie haben viele Sachen anders gemacht als ich, aber dort, wo ich die größten Probleme hatte und einen unangenehmen Weg außenrum gehen musste, haben sie den direkten Weg gewählt und um 90° anders gedacht. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn dreht man die Anordnung um 90° wird die Schaltung nahezu trivial. Ich ärgere mich sehr darüber das Detail übersehen zu haben, was meine genial geglaubten Ideen entwertet.

Es ist mir peinlich, dass mich eine Firma wegen soetwas angeschrieben hat und möchte, dass ich die Weiterentwicklung für sie übernehme, weil sie es kommerziell einsetzen wollen. Ich möchte am liebsten garnichts mehr damit zu tun haben und es einfach totschweigen. Es von meiner Webseite nehmen, auf der ich mich seit einem Jahr als Versager exponiert habe und es löschen, so peinlich ist mir das. Nicht nur ganz Deutschland, sondern ganz Europa wird es erfahren, wenn eine Zeitung, die mir die Veröffentlichung zugesichert hat, mein Projekt publiziert. Ich würde am liebsten im Boden versinken und nie wieder auftauchen und hoffen, dass all das in Vergessenheit geraten ist, wenn ich mich wieder an die Oberfläche traue …

Das Einzige, das mich tröstet ist, dass all diese Leute von der Funktion geblendet sein werden und nicht erkennen, wie es einfacher funktionieren würde. Es wird vermutlich niemandem auffallen, kein Mensch wird da drauf kommen … Trotzdem weiß ich es und empfinde es als persönliche Niederlage, dass mir dieses kleine Detail, das mir viel Arbeit und viel Ärger erspart hätte, entgangen ist …

Nachtrag:
Nach nochmaligem Durchdenken fiel mir ein, dass ich es doch anders auch probiert hatte, aber zu keinen guten Ergebnissen kam … Alles also halb so schlimm … Für das, was ich wollte, ging es damals nicht anders …

1. Klasse

Zwischenzeugnis (13.02.1987):

Thomas ist ein eigenwilliger und selbstständiger Schüler. Seinen Klassenkameraden gegenüber verhält er sich stets hilfsbereit. Er ist aber auch leicht kränkbar und zieht sich schnell zurück. Im Unterricht zeit er sich lernwillig. Seine Beteiligung am Gespräch hat nachgelassen, da er mit seinen Gedanken oft abwesend ist. Ist sein Interesse geweckt, kann er sachbezogene und originelle Beiträge bringen. Die analysierten Buchstaben kennt der Schüler und liest diese sehr gut zusammen. Schriftliche Aufgaben erledigt er zum Teil recht langsam und noch nicht ordentlich genug. Das Rechnen im Zahlenraum bis  beherrscht er. Mathematische Problemstellungen vermag er vorstellend zu lösen. Thomas benötigt keine konkreten Anschauungshilfen mehr. Vor allem im Heimat- und Sachkundeunterricht sollte er wieder eifriger mitarbeiten.

Jahreszeugnis (29.07.1987):

Kontakt zu seinen Mitschülern zu finden, fällt Thomas nicht schwer. Er kann sich in eine Gruppe einfügen, beschäftigt sich aber lieber mit sich selbst. Er ist phantasievoll und recht eigenwillig. Dem Unterrichtsgeschehen folgt er aufmerksam und interessiert, wobei er im allgemeinen aktiv mitarbeitet. Schriftliche Aufgaben führt er manchmal noch etwas schleppend aus. Er bemüht sich aber jetzt mehr um ein ordentliches und gleichmäßiges Schriftbild. Der Schüler liest bereits ziemlich flüssig und versteht auch den Inhalt des Gelesenen. Im Heimat- und Sachkundeunterricht erfreut er durch ein gutes Allgemeinwissen. Im Zahlenraum bis 20 rechnet er weitgehend sicher. Gelegentlich unterlaufen ihm jedoch noch Flüchtigkeitsfehler. Erfreulich ist Thomas’ Einsatz im Handarbeitsunterricht

Zu den anderen Zeugnisbemerkungen

Moment

Ich sitze in meinem Auto, während es auf der Straße in Richtung nach Hause unterwegs ist.  Der Vollmond steht hoch am Himmel und ist von einem leichten Schleier verhüllt, dennoch lassen sich die verschiedenen Kontinente ausmachen. Eine Wolke, die über der nächtlichen Szenarie schwebt, wird vom reflektieren Sonnenlicht ebenfalls erhellt. Vor mir ein Auto, das es wohl ebenso eilig nach Hause hat wie meins und im raschen Tempo der sich schlängelnden Straße folgt. Wie spät ist es? Die Szene erinnert an die tiefste Nacht und doch ist es erst kurz vor 20Uhr. Im Radio läuft das Lied „Why does it always rain on me“ von Travis, das der ansonsten typischen Szene einen romantischen Hauch verleiht und zum Träumen und Nachdenken anregt. Während sich das Licht der Auto-Scheinwerfer in den Reflektoren der Straße brechen, bahnt sich entgegenkommendes Licht einen Weg durch die Wälder und ich werde vom Tanz der Lichter sentimental. Aufgeweicht von der Melodie und den gefühlvollen Texten und angeschlagen von der Müdigkeit und dem Lernstress der letzten Wochen, denke ich nach über den heutigen Tag. Über mich, über andere. Heute, nachdem mir bewusst geworden ist, dass mit dem Ende meiner 3ten Hauptprüfung auch langsam ein Jahrzehnt an Schulbildung und Studium zuende geht. Ein Lebensabschnitt, der mir die letzten Jahre so vertraut geworden ist und der mir immer ein klares Ziel vor Augen führte. Ein Lebensabschnitt, der mit der Abgabe der Diplomarbeit im Mai zu Ende gehen wird und ich vermag es nicht abzuschätzen, wie sich die Zukunft entwickeln wird. Wird mir das Glück zur Seite stehen und mir helfen mein Leben zu meistern? Wird es mir meine Wünsche und Sehnsüchte erfüllen und mir ein zufriedenes und glückliches Leben bescheren? Wohin wird die Reise gehen? Werde ich alleine sein auf meiner Reise? Unsicherheit macht sich in mir breit und drückt meine Stimmung und ich verspüre eine Angst aufkommen, die in den letzten Jahren, trotz des klaren Ziels, ein ständiger Begleiter war und sich zu Wort meldete, wenn ich mir den Weg vorzustellen versuchte, der mich von meinem Ziel trennte. Fast so, als müsste man zum Ende des Universums reisen, so weit entfernt und unschaffbar kam es mir vor … Und jetzt liegt er fast hinter mir und ich verspüre eine Traurigkeit, da er ein guter Begleiter war und immer auf mich aufgepasst hat …

Der Song ist vorbei und es läuft etwas fröhliches … Weg mit der Sentimentalität, jetzt wird mitgesunden …

Gefühl

Seufz … Endlich, nach einer langen Zeit hab ich mich eine Zeit nicht mehr einsam gefühlt. Die Leere und das Gefühl verlassen zu sein wurde verdrängt durch Nähe und Geborgenheit, die mich mit Wärme und Zufriedenheit erfüllten. Das lang vergessen geglaubte Gefühl, jemandem zugehörig zu sein, gibt es doch noch, auch wenn ich langsam daran zum Zweifeln anfing … Hoffentlich bleibt dieser eine Moment nicht einzigartig. Ein Blick in das was sein könnte, sogleich aber wieder vor mir verschlossen. Genug, um meine Sehnsüchte zu schüren, die von Perspektivlosigkeit fast gelöscht worden wären. Ich hab Angst das zu verlieren … Und ich hab Angst, dass das nicht auf Gegenseitigkeit beruht …

Geschichte „Ohne Name“ #6

Herbst

Ich stand immer noch vor dem Spiegel und musterte mein mageres Gesicht, das hinter einem Vollbart, der schon lange keinen Rasierer mehr gesehen hatte, versteckt lag und von längeren, ungepflegten Haaren eingerahmt wurde, als es plötzlich an der Tür klingelte. In den letzten Jahren hatte ich eine Phobie gegen das Klingelgeräusch entwickelt, da es meistens der Vermieter war, der die normalerweise überfällige Miete eintreiben wollte. Ich war ihm zu großen Dank verpflichtet, dass er mich noch nicht rausgeschmissen hatte. Vermutlich wusste er, dass es nicht leicht war einen Nachmieter zu finden, der wenigstens unregelmäßig die Miete zahlte. Manchmal waren es auch andere Gläubiger, die noch Geld von mir bekamen. In seltenen Fällen verirrten sich noch Verkäufer für Staubsauger oder ähnliches in den heruntergekommenen Stadtteil, die noch nicht wussten, dass es hier nichts zu holen gab. So oder so, war mir das Klingeln unangenehm, weil es meistens der Vorbote von Stress war.
Ich schlich zur Türe und warf einen Blick durch den Spion, worauf ich ein ebenso bärtiges aber vertrautes Gesicht erkannte. „Markus“ rief ich voller Freude während ich die Tür entriegelte und aufriss. Ihn hatte ich schon ewig nicht mehr gesehen. Wie lang war es? Ein Jahr bestimmt. Woher kannte er überhaupt meine Adresse? Egal, ich umarmte ihn, wie er es mit mir damals machte, als er mich in der Ersten aus einer Serie von kalten, dunklen und harten Nächten, umarmt hatte.

„Komm, hör auf zu weinen, kleiner … Ich will dir doch nichts tun …“, hörte ich Markus sagen. Er hielt mich immer noch im Arm und ich merkte, dass es ihm unangenehm war, weil er nicht wusste, was er tun sollte. Er drückte mich von sich langsam aber bestimmt weg und legte seinen Arm um meine Schulter, während er mich in eine dunkle Seitengasse führte, die am Ende von einem schimmernden Licht erfüllt war. Das Flackern erinnerte mich an ein Osterfeuer mit meinen Eltern. Das war damals … Im alten Leben, das jetzt keine Relevanz mehr besitzen würde. Trotzdem wärmten mich die Gedanken an die glückliche Zeit mit meinen Eltern, bis mich Markus zu einem brennenden Fass geführt hatte, das die Aufgabe des Wärmens übernahmen würde.
Um das Fass hatten es sich ein paar Obdachlose gemütlich gemacht, die auf Kartonagen saßen, damit sie nicht auf dem kalten Asphalt sitzen mussten. Sie sahen mit den Vollbärten alle zum verwechseln ähnlich, trotzdem konnte man sie wohl anhand der nicht zu häufig gewechselten Kleidung, die im Licht des Feuers gerade noch erkennbar war, gut auseinanderhalten. Ich war zu verwirrt, um Angst zu haben und ließ die Momente einfach passieren. Irgendwie fühlte ich eine Vertrautheit, die mich erahnen ließ, dass ich hier die nächste Zeit leben würde …

„Markus, was führt dich zu mir?“, fragte ich ihn, wieder den vertrauten Geruch in der Nase, an dem ich mich die letzten Jahre gewöhnen konnte. Eine Mischung aus Schweiss und Alkohol, die mir einfach vertraut vorkam. Ich musterte ihn und es kam mir so vor, als wäre er innerhalb des letzten Jahres scheinbar um etliche Jahre gealtert. Das Leben auf der Straße, dem ich gerade noch entkommen konnte, hinterließ seine Spuren und sie waren deutlich zu sehen. Er war noch magerer geworden und er humpelte, was er damals noch nicht getan hatte. Irgendwas musste er sich im letzten Jahr zugezogen haben. Ich nahm mir vor ihn danach zu fragen, sobald sich eine Gelegenheit ergeben würde.“Mein lieber Tobi, braucht man denn immer einen Grund um jemanden zu besuchen?“, meinte er flappsig und grub sich mit dem rechten Bein eine Straße durch meinen Wohnungsboden, der mit schmutziger Wäsche und Pizzaschachteln begraben war. „Markus, dann wärst du doch schon viel früher aufgetaucht. Also, was gibt es?“, meinte ich leicht ärgerlich, weil ich mir so vorkam, als würde er mich zum Narren halten wollen. Niemand meldet sich ein Jahr später und will einfach nur reden. Vor allem dann nicht, wenn man mit dem Überleben schon genug zu tun hat und so keine Zeit für Freundschaftsbesuche übrig ist. „Du hast recht … Ich möchte dir ein Geschäft vorschlagen …“. Ein Geschäft vorschlagen? Was denn für ein Geschäft? Wieso gerade ich? Und vor allem: Wie solle Markus überhaupt an ein Geschäft herankommen? Ein Geschäft bedeutet Geld und wieso würde er das mit mir teilen wollen? Ich war etwas skeptisch, hört mir jedoch geduldig seinen Vorschlag an …

Sauer

Es gibt nicht viele Dinge, die mich wirklich sauer machen. Aber das, was mich wirklich sauer macht, ist ignoriert zu werden. Eine Bekannte, die ich mit offenen Armen, mit Hilfe und Beistand empfangen habe, hat wieder etwas in den falschen Hals gekriegt und mich daraufhin einfach ignoriert. Und zwar so ignoriert, dass sie alle meine Spuren, im Form von SMS, Mails oder Kommentare, vom Erdboden getilgt hat und auf Kontaktversuche nicht reagiert.

Was ich getan hab?

Nunja, nichts, was nicht mit drei Wörten „Ja, ist okay“ aus der Welt geschaft werden hätte können. Nein, statt dessen muss jegliches Pontential für Konflikte sofort genutzt werden und mit dem Hammer drauf losgegangen werden. Dann bin ich wieder der Böse, der sich doch tausend mal entschuldigen soll, für etwas, das nicht böse gemeint war, sondern Missverständnisse verhindern sollte. Die Intention dahinter war jemanden nicht unabsichtlich leiden zu lassen, da manche Situationen evtl anders interpretiert werden könnte, als ich will, dass sie interpretiert werden. Gut gemeint und total nach hinten losgegangen …

Kann ja mal passieren … Aber dann sofort ignoriert zu werden und auf Kontaktversuche nicht mehr zu antworten gibt mir das Gefühl, als wäre ich ein Schwerverbrecher, der lebenslang Gefängnis verdient hätte. Und das, obwohl ich einer der wenigen bin, die die Kuh nicht melken wollten, sondern der aufrichtig die Freundschaft und Hilfe angeboten hatte, weil er die Person einfach gern hat.

Tja, so läuft es manchmal im Leben … Aber das soll nicht mehr mein Problem sein … Wenn Hilfe nicht erwünscht ist, dann ist sie es eben nicht und wenn die Person gute Menschen so mit Füßen tritt, werden nur noch die bösen übrig bleiben. Aber evtl gehört sie ja selbst zu den bösen? Der Gedanke kam mir aber schon mal und doch glaubte ich immer wieder an das gute im Menschen und dass man gut klarkommen würde, wenn erstmal keine Gefühle mehr im Spiel sind.

Jetzt liegt es an mir, sie von meiner Welt zu verbannen …

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